Abrissbirne
Eine Schule soll verschwinden

Die Gemeinde Wien lässt in der Leopoldstadt ein Schulgebäude abreißen und nimmt eine jahrelange Baulücke in Kauf. Aber warum?

Vor der Schule Schwarzingergasse
Sie versteht den geplanten Abriss nicht: Nachbarin Barbara Cäcilia Supper-Schmitzberger vor der Schule Schwarzingergasse.

Sie versteht es einfach nicht. Barbara Cäcilia Supper-Schmitzberger blickt auf ihr Nachbarhaus und sagt, es sei ihr ein Rätsel, „weshalb man hier ein Schulgebäude erst dem Verfall preisgibt und jetzt abreißen will, obwohl die Wiener Schulen doch so über Raumnot klagen“. Hier – das ist in der Schwarzingergasse in der Leopoldstadt.

Kein Geld für Neubau

Die lediglich 70 Meter lange Gasse ist eine Wohnstraße. Fast alle Häuser stammen aus der Gründerzeit, auch das Gebäude in der Krümmung der Gasse mit der Aufschrift „Schule der Stadt Wien“. Errichtet wurde die Schule 1893, wie eine Tafel im Eingang verrät. Doch Kinder und Lehrpersonal gehen hier schon länger nicht mehr ein und aus.

Seit gut zwei Jahren steht das dreistöckige Haus leer. Es sollte abgebrochen und durch einen neuen Schulbau ersetzt werden. Das waren die Pläne der Gemeinde Wien, bevor die enorme Verschuldung der Stadt öffentlich wurde. Am 12. März dieses Jahres musste Bildungsstadträtin Bettina Emmerling von den Neos jedoch bekannt geben, dass „aufgrund aktueller budgetärer Rahmenbedingungen“ fünf Schulbauprojekte gestoppt werden. Dazu gehört die neue Schule in der Schwarzingergasse.

Abbruch bis Ende des Jahres

Abgerissen wird das bestehende Gebäude trotzdem. Mitte April veröffentlichte der Magistrat die Ausschreibung für die Abbrucharbeiten. Die Angebotsfrist endete am 18. Mai. Die Arbeiten sollen bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Stadträtin Emmerling versicherte zwar, dass die Planungen für den Neubau weitergingen und „die Vorhaben bei veränderter Budgetlage rasch wieder aufgegriffen werden“. Doch dass sich über Wien in den nächsten Jahren ein Geldregen ergießt, scheint eher unwahrscheinlich. Realistischer ist eher eine jahrelange Baulücke im dichtverbauten Karmeliterviertel. Und nicht nur für die Nachbarin Supper-Schmitzberger ist „der Abriss wenig nachvollziehbar, wenn völlig unklar ist, ob und wann ein Schulneubau überhaupt finanziert werden kann“.

Kritik am Abriss kommt auch von der „Allianz für Substanz“: Abriss und Neubau seien „Symptome einer verschwenderischen und klimaschädlichen Praxis“, sagt ihr Sprecher Martin Hess: Viel brauchbare Substanz und die in ihr gebundene Energie werde vernichtet.

Öffentliche Hand als Vorbild?

Die Allianz wurde von Menschen aus dem Bereich der Architektur und der Bauwirtschaft gegründet, die sich laut ihrer Webseite „für einen Paradigmenwechsel im Bauwesen“ einsetzen: Sanieren statt zerstören, neue Nutzungen finden statt neu bauen. Gerade die öffentliche Hand müsse hier Vorbildfunktion haben und Pilotprojekte realisieren.

Wer ein Gebäude abreißen will, werde immer „gute Gründe“ dafür anführen können, so Martin Hess: „Aber in der Gesamtbetrachtung ist die Adaptierung eines Bestands als ökosoziale Ressource fast immer sinnvoller“. Und gerade im Fall der Schule Schwarzingergasse sei nicht einmal klar, „ob durch einen Abriss und Neubau wirklich viel gewonnen werden könnte“. Wenn darüber hinaus die Finan­zierung eines neuen Projekts noch gar nicht geklärt sei, „soll ein Abriss schon gar nicht stattfinden“, sagt Hess.

Katzenjammer: Der gesamte Schultrakt rund um den Innenhof soll abgerissen werden. Foto: Christopher Mavrič

Ähnlich argumentiert der Publizist Georg Scherer, der sich auf seiner Webseite www.wienschauen.at ebenfalls mit dem Abbruch schützenswerter Gebäude in Wien befasst. Für Scherer fügt sich das bestehende Gebäude „so gut ins örtliche Stadtbild ein, dass ein Verlust sehr zu bedauern wäre“. Sanierung, Adaptierung und Umbau seien aus dem Blickwinkel von Ressourcen und dem Respekt vor der Architektur der Vergangenheit vorzuziehen, sagt Scherer: „Abbruch und Neubau sollten stets die letzte Option sein.“

Kein öffentliches Interesse

Scherer verweist zudem auf einen seiner Meinung nach gefährlichen Trend: „Während bei privaten Wohnhäusern der Erhalt meist erzwungen wird, dürfen öffentliche Gebäude offenbar immer wieder abgerissen werden.“ Das passiere in Wien mit Zustimmung der für Architektur und Stadtgestaltung zuständigen MA19. Sie könne einem Abriss zustimmen, „weil der Erhalt nicht im öffentlichen Interesse liegt“.

Ist das auch bei der Schule Schwarzingergasse der Fall? Zwischenbrücken fragte bei den Pressestellen der Stadträtinnen für Bildung sowie für Stadtplanung nach. Aus dem Bildungsressort kam keine Antwort. Die für Stadtgestaltung zuständige Magistratsabteilung 19 schreibt, dass das derzeitige Schulgebäude „die wenigsten dekorativen Elemente eines Gründerzeithauses in der Schwarzingergasse aufweist". Das charakteristische Erscheinungsbild der Straße mit gründerzeitlichen Häusern bleibe auch bei einem Abbruch beziehungsweise Neubaus des Schulgebäudes erhalten.

Die oppositionellen Grünen und die KPÖ kritisieren die Verzögerung des Schulneubaus, aber nicht den Abriss des bestehenden Gebäudes. Der Leopoldstädter Bezirksvorsteher Alexander Nikolai von der SPÖ verteidigt hingegen den Abbruch: Er sei notwendig, „um langfristig eine moderne und zukunftsorientierte Bildungsinfrastruktur sicherzustellen“. Das derzeitige Gebäude entspreche aufgrund mehrfacher Umbauten über die Jahre „weder den heutigen Anforderungen an ausreichende Kapazitäten noch an eine moderne Barrierefreiheit.“

Mobiliar verschwindet

In den vergangenen 20 Jahren hat die ehemalige Volksschule schon einige und sehr unterschiedliche Mieter erlebt. Bis 2010 war in dem Gebäude ein Sonderpädagogisches Zentrum für schwerstbehinderte Kinder untergebracht. Das übersiedelte dann in eine renovierte und adaptierte Schule in der nahen Leopoldsgasse. Danach diente die Schwarzingergasse als Ausweichquartier für andere Schulen, die renoviert wurden. Dass ab 2020 der Verein „Social Work Hub“ das Gebäude nutzen konnte, sorgte für einen Schlagabtausch im Gemeinderat. Die FPÖ kritisierte, dass dem Verein aufgrund einer persönlichen Nähe zur Kinder- und Jugendanwältin der Gemeinde Wien das Haus „mietfrei“ überlassen werde.

Social Work Hub wiederum überließ die Räume in der alten Schule anderen kulturellen und humanitären Einrichtungen wie „Fridays for Future“, dem Verein „Nachbarinnen in Wien“ oder für Kurse „Deutsch als Fremdsprache“. 2024 wurden diese Gruppen jedoch plötzlich ausquartiert. Nachbarn in der Straße erzählen, dass das Schulmobiliar in den Hof gebracht und von Transportern mit der Aufschrift „Auktionshaus“ abgeholt wurden. Einzelne Möbel sollen danach auf der Verkaufsplattform „willhaben“ aufgetaucht sein. Social Work Hub scheint heute im Vereinsregister des Innenministeriums nicht mehr auf. Auch die Webseite ist nicht mehr aufrufbar.

Die Platane im Hof ist ein Naturdenkmal. Würde sie den Abbruch des Schulgebäudes überleben? Foto: Bernhard Odehnal

Nachbarin Cäcilia Supper-Schmitzberger ärgert sich nicht nur über den Abbruch des Gebäudes. Sie sorgt sich auch um die mächtige Platane im Innenhof der alten Schule. Der 32 Meter hohe Baum ist als „Naturdenkmal“ eingestuft. Das „mächtige Exemplar“ erfülle in der sonst baumlosen Örtlichkeit „eine wichtige gestalterische und kleinklimatische Funktion“, heißt es auf der Webseite der Gemeinde Wien.

Supper-Schmitzberger hätte viele Ideen, wie der freie Raum nach dem Abbruch der Schule genutzt werden könnte. Statt sie mit einem Bauzaun abzuriegeln, könnte das Areal den Bewohner*innen des Grätzels als kleine Grünoase zur Verfügung gestellt werden: „Für Urban Gardening, für Baulückenkonzerte oder als Spielplatz für Kinder im Schatten der Platane.“ Was wird getan, um den Baum während der Abbrucharbeiten zu schützen? Das wollte die Nachbarin von der zuständigen Magistratsabteilung wissen. Sie erhielt keine Antwort.

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Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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